Ein Plädoyer für Radikalität – in der Zusammenarbeit! DierkeHouben
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Ein Plädoyer für Radikalität – in der Zusammenarbeit!

Sie können nach außen nicht konkurrieren, wenn Sie intern nicht zusammenarbeiten können. – Wir lieben diese glasklare und prägnante Aussage von Jim Tamm, Autor von „Radical Collaboration“ („You cannot compete externally, if you cannot collaborate internally“). Führungskräfte, die nach innen im Unternehmen nicht wirksam zusammenarbeiten, können nach außen im Markt und im Wettbewerb nicht erfolgreich bestehen. 

Das hört sich so selbstverständlich und klar an. Ist aber in der Realität genau das nicht: selbstverständlich. 

Denn diese Einsicht in einem Unternehmen wirksam werden zu lassen, setzt bei vielen Führungskräften und Managern eines voraus: dem eigenen Mindset auf den Grund zu gehen. Radikal die eigenen Verhaltens- und Reaktions-Routinen kritisch zu hinterfragen, um wirksame Zusammenarbeit möglich zu machen. Kurz gesagt: die eigene Komfortzone zu verlassen, um sich zum Nutzen des Ganzen persönlich weiterzuentwickeln.

Aber genau das ist nicht einfach – warum eigentlich?

Wettkampf statt Zusammenarbeit

Wir kennen das aus eigenem Erleben als Manager in Großunternehmen und als Leadership Coaches bei unseren Klienten: Viele – besonders die erfolgreichen – Manager leben einen kompetitiven Mindset.

Im Wettbewerb im Außen, gegenüber Konkurrenten am Markt, kann ein solches kompetitives Mindset gut funktionieren. Aber wenn Führungskräfte dieses Wettbewerbsdenken als Handlungsprinzip auf ihr Verhalten gegenüber Peers, gegenüber Mitgliedern im eigenen Team und anderen Stakeholdern, übertragen, dann hat das fatale Folgen im Innen.

Führungskräfte, die auch im Innen des Unternehmens beständig im Wettkampf- oder Sieger-Modus sind, schaden nachhaltig der Zusammenarbeit und gefährden damit den Unternehmenserfolg.

Warum ist das so?

Defensive statt Zusammenarbeit

Wettbewerb und konfrontatives Verhalten schaffen in Organisationen unweigerlich eine Atmosphäre der Angst. (Mehr zur Angst in der Führung lesen Sie in unserem Blog: „Grillen Sie noch oder führen Sie schon? Was Führungskräfte von Google lernen können“. Und das hat Konsequenzen: Sie haben das sicher schon einmal – oder öfter – selbst erlebt. Wir haben es tatsächlich schon sehr oft erlebt. Mit ihrem verdeckt oder offen aggressiven Verhalten schaffen Manager-Kollegen eine Situation von Druck und Stress. Und lösen damit bei Teammitgliedern Angst aus – auch wenn sie sich vielleicht dieser Tatsache im Moment gar nicht bewusst sind. Denn hier greift ein faszinierender „automatischer“ Reaktionsmechanismus des Menschen: Aggressives oder kompetitives Verhalten aktiviert sogenannte Defensiv- oder Abwehr-Mechanismen bei den Kollegen. Und genau diese Reaktionsweisen sind ebenso kontraproduktiv für die Zusammenarbeit wie kompetitives Verhalten selbst.

Wichtig ist, diese Defensivmechanismen sind nicht etwa gegen die Kollegen gerichtet, sondern dienen vor allem dazu, sich selbst vor der eigenen Angst zu schützen. Das ist ein ganz natürlicher Prozess.

Unsere Defensivmechanismen werden unwillkürlich vor allem dann aktiviert, wenn wir einen Angriff spüren auf die drei wichtigsten Dimensionen, die unsere Identität als Mensch und Führungskraft ausmachen: 

(1) auf unsere (fachliche/ inhaltliche) Kompetenz, 

(2) auf unsere (soziale) Bedeutung und 

(3) auf unsere „Likeability“, unser (persönliches) Bedürfnis, gemocht zu werden. 

Unsere Abwehrmechanismen auf solche Angriffe sind so vielfältig wie wir selbst – und sie schaden allesamt einer produktiven Zusammenarbeit. Deshalb ist es entscheidend, dass wir sie kennen. Erst dann können wir sie „im Moment“ wahrnehmen und bewusst überwinden. Das ist umso wichtiger als Defensivmechanismen in uns selbst leider auch Defensivmechanismen und damit unproduktives Verhalten bei anderen hervorrufen. 

Das allzu menschliche Repertoire

Wir alle verfügen über ein ganzes Repertoire von Defensivmechanismen, z.B.

  1. „Tödliches“ Schweigen – Rückzug und Vermeiden
  2. Opferhaltung – Ein-Igeln in die eigenen Argumente
  3. Blaming – andere beschuldigen oder beschämen
  4. „Alles oder Nichts“ – Denken in Extremen
  5. Catastrophizing – den Teufel an die Wand malen
  6. Intellektualisierung – die anderen mit Information überfluten.

Sie merken schon: Unsere Defensivmechanismen auf kompetitives, aggressives Verhalten von Kollegen sind der Tod jeglicher Zusammenarbeit. Wer selbst defensiv ist, ruft durch sein Verhalten wiederum Defensivmechanismen bei anderen hervor. So entwickelt sich eine dynamische Abwärtsspirale, die wirksame Zusammenarbeit in jeder Form unmöglich macht: Sei es nun gemeinsames „Fact finding“, kreatives „Problem solving“ oder rationale Entscheidungsfindung.  

Machen Sie doch mal den Test: Welche Verhaltensreaktionen beobachten Sie bei sich selbst, wenn Ihr Kollege konfrontativ (offen oder subtil) im Wettstreit mit Ihnen ist?

Ein Mensch im Autopilot und die Folgen

Eines der eindrücklichsten Beispiele an Defensivreaktionen, um sich vor der eigenen Angst zu schützen, haben wir mit (sagen wir…) John erlebt: Manager eines internationalen Konzerns, sesshaft in London. Ihm selbst waren seine Ängste und Defensivmuster angesichts kompetitiver Kollegen nicht bewusst. Mit fatalem Ergebnis: In Stresssituationen rutschte er in unkontrollierbare Reaktionen ab. Er agierte nicht – er re-agierte im Autopiloten. Er hatte sich Verhaltensroutinen aufgebaut, die für andere schwer erträglich waren: starrköpfig, rechthaberisch, Schwarz-Weiss Denken, keinen Zentimeter Boden preisgebend, um das letzte Wort kämpfend. Sein brillantes Denken nutzte er regelmäßig, um alles zu „intellektualisieren“ – eine sublime Form der Aggression, um andere einzuschüchtern und sich unangreifbar zu machen. 

Diese Verhaltensmuster sind sichere Anzeichen für tiefsitzende Ängste, dass die fachliche Kompetenz, die soziale Bedeutung oder die “Likeability” in Gefahr ist. 

Angst erzeugt Re-Aktion, nicht Aktion, das ist das Problem! Und: Angst erzeugt Konfrontation – nicht Kollaboration! 

Deshalb gibt es nur eine Lösung…

Seien Sie radikal!

Um das nochmals ganz klar zu sagen: Diese oft unbewussten Defensivmechanismen sind nicht etwa gegen die Kollegen gerichtet, sondern dienen vor allem dazu, sich selbst vor der eigenen Angst im kompetitiven Umfeld zu schützen. Genau deswegen möchten wir Sie dazu aufrufen: Setzen Sie sich mit Ihren Reaktions-Mechanismen auf kompetitives Verhalten von Kollegen oder Vorgesetzten auseinander.

Seien Sie radikal! Gehen Sie Ihrem eigenen Verhalten auf den Grund – und das heisst auch: Gehen Sie an die Wurzeln der eigenen Ängste!

Beobachten Sie sich selbst – Was treibt Sie in die Defensive? Was tun Sie, um sich vor Ihren eigenen Ängsten zu schützen? Und was tragen Sie so unbewusst selbst zu einer konfrontativen Atmosphäre bei? 

Seien Sie also radikal ehrlich zu sich selbst, auch wenn Ängste in Führungskräftekreisen immer noch ein Tabu sind. (Wenn Sie in das Thema Ängste tiefer eintauchen wollen, dann hören Sie doch mal rein in unsere Podcast-Folge zu “Der Manager und sein Tabu”.

Defensivreaktionen sind so vielfältig wie wir selbst – aber wenn wir sie kennen, können wir sie „im Moment“ wahrnehmen und bewusst überwinden… und damit uns selbst und das Unternehmen erfolgreicher machen.

Ihre
Anke Houben & Kai Dierke

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